Der Bootsbranche geht’s nicht gut. Das ist kein Geheimnis. Die allgemeine Begründung liegt in der “Überalterung.” Ich kann mir gut vorstellen, dass es auch an dem Gigantismus liegt.
Ich habe in der letzten Zeit ein paar Tests gelesen. Unter anderem über ein 38 Fuss Boot. 38 Fuss läuft Usain Bolt etwa in 9,58 Sekunden. Ist also lang. Und groß. Dieses Boot gibt es in 3 Ausführungen: Daysailor, Weekend und Cruiser. Der Cruiser ist ausgestattet wie der Bischhofssitz von Limburg, die Weekend Edition ist etwas “abgespeckter” zu haben (wird glaube ich ohne Kegelbahn geliefert), und der Daysailor hat z.B. nur Kochplatten, keinen Ofen.
“38 Fuß” und “Daysailor” – finde den Fehler!
Ein anderer Test stellt eine neue Yacht größer als 50 Fuß vor. Für 50 Fuß braucht Sebastian Vettel im Red Bull etwa so lange wie Usain Bolt für 100 Meter. Diese Yacht richtet sich – wie eigentlich jede Großserienyacht – an Charterer und Eigner. Und ist mit kleiner Crew zu segeln.
Dann wird bei Varianta die Lücke geschlossen – zwischen der 18 Fuß und der 44 Fuß. Und zwar mit 37 Fuß. Ein Boot für Eigner, für Einsteiger.
Die Boote sind recht “günstig”, die Varianta mit dem Preis ab 89.000 Euro sogar ein “Preishammer” – so schreiben es alle.
In einem fallenden Markt reagiert man also. Mit Freizeitgegenständen, für die man sich auch eine Eigentumswohnung kaufen könnte.
Gleichzeitig gibt es in einer schwächelnden Branche ein Segment, das wächst. Boote bis 7 m. Die im Preis erschwinglich sind. Und was kommt da Neues? Keine Ahnung. Man erfährt nichts. Bis auf die Scangaard 26 – ein schönes Schiff von Alex Berg’s Degerö Werft. Man hört immer nur, dass sich mit kleinen Booten nichts verdienen lässt. Jedenfalls sagen das die Großwerften.
Es wird also das gemacht, was in den letzten Jahren (seitdem es abwärts geht) immer gemacht wurde: der Markt fällt – die Boote wachsen. Leute, die nicht viel Geld haben, sollen was Gebrauchtes kaufen oder bei der Jolle bleiben.
Dass es eine Menge Kiter, Strandsegler, Surfer, Jollensegler und andere gibt, die eigentlich mit den Hufen scharren, sogar Geld haben und wenn sie über 35 sind, abgeholt werden wollen, interessiert wohl keinen. Nur wollen die sich nicht verschulden. Die haben mehrere Hobbies. Und deshalb sind denen 150.000 Euro – ja selbst 89.000 bestimmt zu viel Geld. Die wollen aber nicht alle gebrauchte Boote kaufen, in denen Messingbarometer hängen und Ankersymbole in den Polstern zu sehen sind.
Nun geht ja die Messesaison los. Ich bin gespannt. Ich befürchte aber, dass Usain Bolt allein 10 Sekunden braucht, um an den “NEUHEITEN”-Aufklebern auf den Rümpfen entlang zu sprinten. Getreu dem Motto: “Wir entwerfen zunächst eine große Wohnung und packen sie danach in Plastik ein.”
Hab ich auch mal vor ‘ner Zeit gemacht. Bootsbau ist gar nicht so schwer, glaube ich:
38 Fuß Daysailor:
32 Fuß Performance Cruiser:
Varianta 18:
Schön geschrieben und leider war.
Genau so sieht es aus……..Billigeimer kosten über 100.000.
Wir wären glücklich wenn wir die Hälfte ausgeben könnten
Für ein Spaßmobil !
DANKE! Ich gratuliere dir dazu, das in geordnete Worte zu packen, was mir seit gut drei Jahren auf der Zunge liegt, aber aufgrund meiner Wut und meiner Empörung immer nur in Geschrei ausartet.
Prinzipiell bin ich d’accord – allerdings seien mir zwei Anmerkungen erlaubt: So sehr ich rhetorische Vergleiche zu schätzen weiß, um absurde Umstände zu illustrieren – Usain Bolt läuft bemerkenswerterweise ganze 100m in 9,58 Sekunden – mithin also 328 Fuß, was schon einem veritablen Frachter entspräche und bei privaten Yachten nur von sehr wenigen schwimmenden Palästen übertroffen wird.
Glücklicherweise sind nicht alle Hersteller so bekloppt, die Inflation von Ausstattung und Rumpflänge dem Leistungswahnsinn der Automobilbranche anzupassen; Dehler präsentierte vorletztes Jahr mit den Variantas 44 und 37 bezahlbare Fahrtensegler in einer bisher für viele unbezahlbaren Größe, während sich die kleinen Skippi 650er aus Polen im günstigen Daysailer-Bereich tummeln – und das alles ganz ohne Mahagonihöhlen und Messingklimbim.
Die Appartements in Aspik gefallen mir allerdings sehr – wo kann ich das kaufen?
Als ich mit dem Segeln anfing, wollte ich immer mal eine große Yacht haben. Jetzt bin ich 40, meine “Yacht” hat 31 Fuss, was zu meiner Jugendzeit als groß galt, und was ist? Die meisten sagen 31 Fuss ist ein kleines Boot. So what, ich bin zufriden mit meinem “großen” Boot, habe genug Komfort auch ohne Backofen, Warmwasserboiler und Dusche. Und ich finde meistens noch einen Platz im Hafen, weil die kleine eben nicht 4 Meter breit ist.
Nur kurz zur Info: 38 ft sind 11,58 m. Die schafft Usain sicher etwas schneller. Und 50 ft sind 15,24 m. die sollte Sebastian Vettel sogar zu Fuss schneller schaffen. Und die räumliche Darstellung der “38-Fuß-Wohnung” trifft sicher auch nicht ganz zu. Abgesehen davon stimmt es aber: Wären neue Boote günstiger, würden mehr Leute segeln gehen. Aber was soll daran gut sein? versuch mal, im Sommer in Schleimünde, Lyö oder den anderen schönen Häfen einen Platz zu finden. Nö, der Trend zu teuren großen Booten ist schon ganz o.k.. Die kommen auch in die kleinen schönen Häfen nicht rein. Alles gut also.
Erste Welt Probleme…
Du hast recht (außer mit den Berechnungen, aber das haben die anderen ja auch schon bemerkt).
Was noch hinzu kommt, ist die Sättigung des Marktes:
Die Zahl der Segelinteressierten steigt nicht unermesslich an.
Und weil die Schiffe nicht mehr vergammeln und auch sonst in der Entwicklung keine Quantensprünge mehr geschehen, kann man statt eines neuen auch getrost ein gebrauchtes Schiff kaufen.
Das bremst nach allem was ich so gehört habe auch die Nachfrage auf dem Gebrauchtmarkt und drückt dort durchaus die Preise.
Habe deinen blog schon lange verfolgt und dich auf der magdeboot gesehen. Habe seit August 2013 eine VA 18 digger edition.ich bin 61 Jahre.es war die beste Investition in meinem leben.ich bin so oft wie möglich auf dem Boot und habe richtig Spass.dein Buch ist toll.ich habe es gelesen ohne Pause. gruss Peter und Kurt p.
Moin Peter! Ich habe hier noch schöne Fotos von Kurt P. Wenn Du mir über eine Mail schickst, bekommst Du sie von mir. Freut mich, dass Du so viel Freude am Schiffchen hast! Gruß, Stephan
Und genau deshalb haben wir seit diesem Herbst kein nagelneues Boot sondern ein altes. Ein sehr altes. Aber eines das segelt – das sogar richtig gut segelt. Wir haben uns die segelnde Version eines 70er Jahre Surferbullis gekauft. Und sind damit sehr glücklich.
Der Gebrauchtbootmarkt ist offensichtlich ein guter Einstieg für Neulinge. Wenn man handwerklich geschickt ist, kann man auch ältere Boote wieder brauchbar machen, je nach Geschmack und Geldbeutel. Das sehen wir schon länger als Trend an. Wenn man sich an den derzeitigen Preisen orientiert, kann man auch schon für 20 Tausend Euro ganz vernünftig, nicht zu groß und handhabbar einsteigen. Je mehr man auch handwerklich was leisten möchte, um so besser ist der Preisvorteil. Übrigens ist das auch für die Messen schon Motivation genug, mit eigenen Sondershows (Refit Arena auf der hanseboot, Boatfit in Bremen) Interessenten zu locken. Man kann also sagen, dass neben den Herstellern von neuen Booten andere am Ball sind. Neueisteiger, lasst euch nicht abschrecken, kann man da nur sagen. Es gibt Leute mit geeigneten Materialien und dem nätigen Know How. Ich schlage vor: Wir treffen uns in Hamburg.
Wie wahr wie wahr
Sehr wahrer Artikel! Allerdings kenne ich keinen Surfer, der mit 35 Jahren mit dem Gedanken spielt, seine Boards gegen ein Segelboot zu tauschen. Diese Entscheidung steht frühstens mit 65 an.
Stimmt – fast. Bin Surfer und habe mir im letzten Jahr 20 Fuß GfK mit Blei zugelegt wegen besserer Familientauglichkeit als 85 Ltr. Carbon mit Finne. War beim Kauf allerdings 36 und die Boards sind auch noch da.
Gruß und Handbreit
Klaas
Eine Sache, die mich auch schon einige Zeit beschäftigt. Es gibt sicherlich genug Segler, die für einhandtaugliche Familienkreuzer suchen. Da wäre es doch schön, wenn es eine Auswahl von Booten zwischen 6 und 8 Meter gäbe, die jünger als 30 Jahre sind und von den Entwicklungen der vergangenen Jahre profitiert haben. Das ganze vielleicht auch noch für den Durchschnittsverdiener finanzierbar, der nebenbei noch eine Familie nebst Hund und Katze durchbringen muss und neben dem Boot auch ein Dach über dem Kopf braucht. So eine Art Dacia zur See ist das Ergebnis meiner Überlegungen. Hätte eine Werft mit einer Produktlinie unter 20000 € eine Überlebenschance? Wie wäre es, eine alte Werft zu reaktivieren und auf früheren Konzepten aufzubauen? Wo sind die modernen Happy Sailings, Rubins und weitere 18 bis 24 Füßler etc.?