Theorie und Praxis bei Übergriffen von Hunden.

Ich schrieb irgendwann im Frühjahr hier einen Artikel über Hunde in Dänemark. Leinenzwang ist keine Willkür von Staat und Kommunen, sondern auch eine logische Folge. Wegen Hundebesitzern, die überfordert sind und ihre Hunde nicht im Griff haben. Vielen Menschen macht das Angst.  Und ich kann das verstehen. Seit gestern noch mehr. Mich hat nämlich ein Hund angegriffen.

Ich kenne mich mit Hunden aus. Bin mit ihnen aufgewachsen. Ich weiss, wie die ticken und habe eigentlich auch einen Plan, wenn man mal angefallen werden sollte. Es gibt immer ein paar Dinge, die man beachten sollte. Soweit die Theorie. Nun die Praxisgeschichte.

 

Mittlerweile bin ich auf Skarø. Hier beginnt heute Abend das „Love In Festival“ (lovein.dk) und da werde ich mir einen Tag voller Konzerte auf dieser hübschen, kleinen Insel geben. Zum Glück habe ich hier noch einen Platz gefunden. Ab heute wird es pickepackevoll. Zwei Schiffe neben mir liegt ein dänisches Paar, die einen großen, langhaarigen Schäferhund an Bord haben. Es gibt Schäferhunde und solche Schäferhunde, bei denen man denkt: „Boah, was für ein Koloß.“ Dieser Hund gehört zu der zweiten Kategorie. Gestern Mittag, kurz nach meiner Ankunft, ist er auf dem Boot aus einem mir unbekannten Grund völlig durchgedreht. Er hat nicht nur gebellt, sondern ihm ist wirklich eine Sicherung durchgebrannt. Ich habe mich nicht weiter drum gekümmert. Aber ich nahm ihn seitdem wahr.

Gestern Nachmittag traf ich hier eine Familie aus Schleswig. Um den Kindern etwas Abwechslung zu bieten, habe ich ihnen mein SUP ausgeliehen. Dazu bin ich von DIGGER aufs Brett gestiegen und habe das Board aus dem Hafen in die Bucht gefahren, um es dort zu übergeben.  Polly blieb an Bord und ich ging zu Fuß zum Boot zurück. Im Hafen ging ich an den Grillplätzen vorbei. Nur an einem Tisch saßen zwei Menschen. In dem Moment, als ich wenige Meter an ihnen vorbeilaufe, schießt auf einmal der Schäferhund unter dem Tisch hervor, laut und wütend bellend auf mich zu. Er war angeleint, an einer dieser beschissenen und völlig dämlichen Aufrollleinen (diese Leinen, mit denen Hunde niemals lernen, an der Leine zu gehen), dazu noch in der Größe XS. Ganz dumm: diese bescheuerte Leine war nirgendwo befestigt. Er hatte also einen keinen Bindfaden mit einem Stück Plastik am Hals. Das war’s. Meine Theorie war in diesem Moment völlig über den Haufen geworfen. Denn zum einen hab ich den Hund vorher gar nicht gesehen, erschrak also ganz fürchterlich und zum anderen konnte ich so schnell gar nicht drauf reagieren, da es keinerlei Vorwarnung gab. Ich bin langsam rückwärts gegangen, mit Blick auf den Hund. Der Hund immer hinter mir her, Zähne gefletscht und völlig aggressiv gebellt. Er war kurz davor, mich anzuspringen. Die Besitzer konnten nicht so schnell reagieren. Um ehrlich zu sein haben diese verträumten Arschlöcher auch gar nicht aufgepasst und kamen erst mal gar nicht aus ihrer gemütlichen Sitzhaltung weg. Ich habe in der Zeit die Arme nach vorn gehalten und versucht zu überlegen, was ich mache. Da passierte es. Ich bin gestolpert, weil ich plötzlich auf das Kiesbett kam. Und schon war ich in der blödesten Haltung, die man einnehmen kann: auf dem Rücken liegend, der Hund etwa 50 cm vor und über mir. Ich hab in dem Moment ganz viel gedacht: an Schäferhunde und deren Statistiken, daran, dass ich jetzt nichts mehr machen kann. Ich dachte daran, dass ich jetzt einer von denen bin, die irgendwann dran sind, an Tarzan (kein Witz) und an Blut. Den Hund dabei immer angeguckt und die Hände beschwichtigend nach vorn gehalten. Zum Glück ging er nicht gleich auf mich drauf, sondern hielt einen Moment inne. Ich konnte aufstehen und in dem Moment erreichte die Besitzerin die Leine. Meine Knie haben etwa 15 Minuten lang gezittert. Ein Holunderbier danach half übrigens sehr.

Der arme Hund. Warum holen sich Leute so ein beeindruckendes, bärenartiges Tier, wenn sie es nicht in den Griff bekommen? So, wie die mit dem Hund umgehen, haben die keine Erfahrung. Sie haben ihn danach getreichelt. Warum holen die sich so eine Waffe? Und warum schätzen Hundebesitzer ihre Hunde immer so falsch ein? „Das macht der eigentlich nie.“ Das Entscheidende an diesem Satz ist das Wort „eigentlich“. Eigentlich bedeutet in diesem Falle nämlich: andauernd. Und nun hassen sie alle in diesem Hafen den Hund. Der am wenigsten dafür kann. Wie alle „missratenen“ Hunde.

Am Ende kommt bei mir etwas ganz absurdes heraus und das ist seit gestern noch stärker geworden: ich bin Hundebesitzer und verabscheue mehr als 75% der Hundebesitzer. Weil sie sich stumpf irgendein Tier holen, sich ihrer Verantwortung gegenüber dem Hund und den Menschen nicht bewusst sind. Die mit Rolleinen unterwegs sind. Hundehalter, die die Scheiße nicht aufsammeln. Und Leute, so wie die beiden gestern, die bis spät abends einfach stundenlang einen von 3 Tischen besetzen, direkt neben dem Spielplatz. Mit einem Hund, der hier allen irgendwie Angst macht. Weil alle von dieser Geschichte gehört haben. Der Hafenfunk war schnell. Aber sicher „macht er sowas eigentlich nicht.“ Komisch nur, dass er nach dem Vorfall dann an dem Tisch mit einer 10 Meter Hundekette befestigt wurde. 10 Meter, die bis zum Spielplatz reichten.

Sprich Leute: denen es scheiß egal ist, was die Menschen um sie herum empfinden.

Geht kacken, ihr kotzt mich an! Ihr seid schuld an Hundeverordnungen.

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9 Gedanken zu “Theorie und Praxis bei Übergriffen von Hunden.

  1. Ich mag keine SchäferhundeHalter – noch nie – auch nicht mit mit weißer Mütze!

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  2. Digger hat recht, es geht nicht um die Hunde , sondern um die Flachpfeifen am anderen Ende der Leine. Ich Chef , du Hund ist das Prinzip welches nicht vergessen werden darf.
    Mein Hund ist mein Kumpel, aber er weiß genau wo seine Position ist .

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  3. Ich stimme Dir zu. In Allem. Der Artikel – auch die Wortwahl – ist genau richtig! Im Zweifel: zurück an den Traumort… ;-)
    LG, Jan

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  4. Hippies mit nem Schäferhund – da merkt man doch sofort das etwas nicht stimmt.

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  5. “Der macht nix.”, unzählige Male habe ich das schon gehört und nie geglaubt.
    Einer kluger Mensch sagte einmal:
    “Ein nicht abgerichteter Schäferhund ist mit einem geladenen und entsicherten Gewehr in Kinderhand gleich zu setzen”.
    Er hatte wohl recht.

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  6. Auch abgerichtete Hunde sind gefährlich! Absolut Recht hast du aber das das A…… immer am anderen der Leine ist. Gut das der Anfall glimpflich ausging! Wünsche dir gute Erholung von dem Schreck & ein entspanntes Verhältnis zu Haltern die die Häufchen ihrer Lieblinge ordentlich beseitigen!

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  7. Moin,
    ich stimme dir in vielen punkten zu. Ich bin auch mit Hunden aufgewachsen und habe selber zwei. Nur die Sache mit den Flex Leinen finde ich etwas nervig, denn mit denen ist es genau wie mit den Hunden, man muss mit ihnen umgehen können :-)
    Unsere Nachbarn haben zwei Schäferhunde und die beiden sind zwei Seelen von Hund, sie sind gut und vor allem auch nicht aggressiv erzogen. Wir haben zwei Söhne der eine ist 3 und der andere 6 Jahre alt und ich habe mir noch nie um die beiden Sorgen gemacht wenn sie bei unseren Nachbarn zu besuch waren und genau so musste ich mir noch nie sorgen machen wenn unseren Nachbarn samt Hund bei uns und unseren Hunden zu besuch waren. Der erste besuch ist entscheiden und wenn da alle Rudel- und Besitz fragen geklärt sind kommen auch keine Probleme :-)
    Auf einer Messe habe ich mal einen Vortrag über Hunde an Bord gehört, da habe ich auch nur meine Hände über den Kopf zusammen geschlagen und bin nach wenigen Minuten weggegangen. Die Experten liebten zwar ihre Hunde aber die zu verallgemeinerten Martin Rütter Ratschläge waren eine Katastrophe. Das schlimme daran ist, dass Leute im Publikum sitzen die keine Ahnung haben und dadurch den Eindruck bekommen das es total easy ist einen Hund zu besitzen, natürlich wurde die Verantwortung bei den Vortrag auch erwähnt, aber das hat es dann doch nicht mehr rausgerissen.
    Fazit bleibt auf jeden Fall: Das sich jeder gewissenhaft einen Hund anschaffen sollte. Informationen vor der Anschaffung über die jeweiligen Rassen sind das a und o. Die Informationen bei einen Tierarzt einholen, sich von einem Tierarzt beraten lassen und nicht vom jeweiligen Zuchtverband, das ist auch sehr wichtig. Oft werden Züchter die vollkommende Überzüchtungen anbieten vom Zuchtverband ausgezeichnet und das obwohl die Hunde meistens Krankheitsanfälliger sind oder wie auch gerade bei Schäferhunden von Geburt aus her krank sind und von Geburt auf an unter schmerzen leiden nur weil der Verband behauptet das diese komische Keilform ein rassetypisches Merkmal ist und danach gezüchtet werden muss. Und wenn der Hund dann da ist und man gar keine Ahnung hat, sollte man sich doch eine gute Hundeschule aussuchen und diese auch besuchen und nicht nur auf die Ratschläge aus dem TV hören.
    Was zählt ist das dir nichts passiert ist und man kann nur hoffen das dieser Hund niemals einen anderen Menschen oder Tier etwas antuen wird, er ist der Jenige der dafür büssen muss, obwohl er am wenigsten dafür kann….

    Viel spass noch weiterhin bei deinem schönen Törn.
    Gruss Michael

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  8. Das Problem ist immer am anderen Ende der Leine. Komischerweise immer wieder Schäferhunde. Ich bin für den Halterkundenachweis und nicht für Rasselisten. Gott sei Dank bist Du ja nochmal mit dem Schrecken davon gekommen. Wenn ein Hund solch ein Verhalten zeigt, muss man als Halter immer sehr weit voraus denken. Nach Deiner Beschreibung war es den Beiden scheinbar ziemlich egal.

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    • Ich bin gegen Verordnungen. Eher für Aufklärung. Und für Züchter, die Leuten nicht einfach jeden Hund verkaufen. Ich bin für Reglementierung von Hundeschulen. Was da teilweise “gelehrt” wird, ist hanebüchen. Mit Leckerlies erzieht man keinen Hund. Jedenfalls nicht langfristig. Und ich bin für Zivilcourage. Eben stand ein Mops und ein Ridgeback auf dem Steg. Die Motorbootfahrer
      saßen im Cockpit. Viele Leute haben Angst, auch wenn die Hunde lieb waren. Aber es geht um die Menschen. Man muss solche Halter JEDESMAL drauf ansprechen. Die raffen das sonst nicht.

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